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Bombe spricht

 

 

 

Der Anfang ist voller Poesie. Vier Männer schaukeln im Gebet, legen Fäden wie Gebetsriemen an, einen Metallständer mit Gebetsschals im Rücken. Dieser symbolisiert, wie einer von ihnen irgendwann erklärt, eine notwendige Mauer. Denn man arbeitet an diesem 75 Minuten kurzen Abend unter dem Titel "Bombe spricht" im Schwere Reiter mit religiösen und politischen Anspielungen […] die Tänzerinnen und Tänzer sind stark, schmeißen sich voll rein in Yoshiko Wakis immer rüderes Tanztheater-Kamikaze von Bodytalk, begleitet von akustischen Bombendetonationen. Vor bald 50 Jahren explodierte eine Bombe in München. In Israel explodieren die Bomben leider immer wieder.

 

(Eva-Elisabeth Fischer, Süddeutsche Zeitung, 14.9.19)

 

 

Die Jungs sind fabelhaft. Auf der Bühne stellen sie die Frage, was denn "unsere Bomben in uns selbst" seien, sie wollen die Wand durchbrechen, die - wie in der Synagoge - Männer und Frauen trennt. Yoshiko Waki brachte die Tänzerinnen hinzu; gemeinsam wollen sie Geschichte und Geschichten erzählen, von Religion und Menschsein.

 

(Egbert Tholl, Süddeutsche Zeitung 11.9.19)

„Bombe spricht“ im Pumpenhaus

 

Bodytalk und „Between Heaven and Earth“

 

 

Münster - 1970 versuchten palästinensische Terroristen in München ein israelisches Flugzeug zu entführen. Die Entführung misslang, aber es gab Tote und Verletzte. Eines der Opfer war der Fluggast Arie Katzenstein, der sich auf eine Handgranate warf und mit seinem Tod das Leben anderer Passagiere rettete. Dieses Ereignis bildet die Grundlage für das Tanztheater „Bombe spricht“. Von Helmut Jasny

 

 

1970 versuchten palästinensische Terroristen in München ein israelisches Flugzeug zu entführen. Die Entführung misslang, aber es gab Tote und Verletzte. Eines der Opfer war der Fluggast Arie Katzenstein , der sich auf eine Handgranate warf und mit seinem Tod das Leben anderer Passagiere rettete. Dieses Ereignis bildet die Grundlage für das Tanztheater „Bombe spricht“, das jetzt im Pumpenhaus zu sehen war. Das münsterische Ensemble Bodytalk arbeitete erstmals mit den orthodoxen Tänzern der israelischen Gruppe „Between Heaven and Earth“ zusammen.

 

Es beginnt, wie nicht selten bei Bodytalk, mit Publikumsbeteiligung. Die Tänzerin Charlotte Goesaert befragt die Zuschauer zum Thema Judentum. Später wird sie als personifizierte Klagemauer durch die Reihen gehen, während ihre israelischen Kollegen einen in seiner Fröhlichkeit eher kontrapunktisch wirkenden Tanz aufführen. Nur Kornelia Maria Lech, die zweite Tänzerin im Ensemble, rauft sich verzweifelt die Haare und fungiert so als Menetekel für das drohende Unheil.

 

Bevor es eintritt, gibt es aber noch eine tänzerische Reflexion über die Zusammenarbeit mit den orthodoxen Kollegen. Diese dürfen nämlich nicht gleichzeitig mit Frauen auf der Bühne sein. Deshalb hat man fahrbare Sichtblenden aufgestellt, die als eine Art mobile Grenze in den Tanz einbezogen werden. Das ist rasant choreographiert und übt durch das hohe Tempo sowie das perfekte Timing eine starke Wirkung aus.

 

 

Gleichzeitig bereitet es mit seiner sich steigernden Dynamik auf das anschließende Massaker vor, das sich im Transitraum des Münchner Flughafen abgespielt hat. Hier kommt die Livemusik von Lukas Zerbst zum Tragen, wenn das Schlagzeug die Tänzer gnadenlos über die Bühne treibt und aus selbstbestimmten Menschen hilflos zuckende und vergeblich nach Deckung suchende Gejagte macht.

 

 

Es ist hartes, kraftvolles Tanztheater, das Bodytalk und die Tänzer von „Be­tween Heaven and Earth“ auf die Bühne bringen. Dass es unter die Haut geht, liegt weniger an der ideologischen Auseinandersetzung, die sich auf eher vage Andeutungen beschränkt. Was beeindruckt, ist neben den großartigen Tänzern ein konsequent ausgearbeiteter Spannungsbogen, der nicht zuletzt auch zeigt, wie fragil der Mensch in seiner Existenz ist.

 

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